Ansiedlung der Banater Schwaben vor 300 Jahren im Banat – 53. Kulturtagung in Sindelfingen

Die traditionell im November im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen vom Landesverband BAden-Württemberg veranstaltete Kulturtagung fand am 18./19. November statt. Anlassbezogen war das Tagungsthema der deutschen Ansiedlung im Banat gewidmet.

Mit der Eroberung der Festung Temeswar durch die habsburgischen Heere unter Prinz Eugen und der anschließenden Inbesitznahme des Banats, das als kaiserliche Provinz Wien unterstellt wurde, begann vor 300 Jahren die Geschichte der Banater Schwaben. Das Temeswarer Banat entwickelte sich in Folge binnen weniger Jahrzehnte zu einem attraktiven Kolonisationsraum und zu einer habsburgischen Vorzeigeprovinz. Neben allgemeinen Aspekten der Ansiedlung und des Wiederaufbaus des Banats gingen die Referentinnen und Referenten speziellen Fragestellungen nach, etwa der Gründungsgeschichte der Doppelgemeinde Landestreu-Hatzfeld, dem Verkauf von Banater Gütern und Joseph II., der städtebaulichen Entwicklung von Temeswar im 18. Jahrhundert, den Bewaldungsarbeiten in den evangelischen deutschen Siedlungen im Banat. Die inhaltliche Konzeption der Tagung hatte zum ersten Mal die Germanistin und Volkskundlerin Halrun Reinholz übernommen.

Die Tagung wurde von Josef Prunkl, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Banater Schwaben, eröffnet.

Das Programm der Tagung umfasste sechs Vorträge und die Eröffnung der Ausstellung „Banater Orgeln und Orgelbauer. Bilder einer europäischen Orgellandschaft“ und den traditionellen Konzertabend zum Abschluss des ersten Tages.

Ein besonderer Moment war die Auszeichnung von Hans Georg Mojem, langjähriger Geschäftsführer des Landesverbandes Baden-Württemberg. Als Zeichen des Dankes und Anerkennung überreichte ihm Josef Prunkl unter großem Beifall die Ehrenurkunde des Landesvorstandes Baden-Württemberg.

 

 

 

 

 

 

 

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Nach einer kurzen Einführung in die Tagungsthematik durch die Moderatorin Halrun Reinholz skizzierte Dr. Hans-Heinrich Rieser in seinem Vortrag „Kleine Gruppe – große Wirkung. Die Banater Schwaben als Gestalter des Banats nach 1718“ Hintergründe und Rahmenbedigungen der Ansiedlung. Es sollten möglichst viele Menschen in kurzer Zeit zu einem wirtschaftlich profitablen und militärisch abgesicherten Besitz geholfen werden. Rieser wies auf den unterschiedlichen Verlauf der Besiedlung der Städte und des Banater Berglands hin. Es sei den deutschen Bauern zu verdanken, dass Sie das Land urbar machten und das Banat innerhalb weniger Jahrzehnte zur Kornkammer des Habsburger Reiches aufbauten. Im Bergland seien es die Berg- und Hüttenleute aus dem deutschsprachigen Raum gewesen, die eine hocheffiziente Montanindustrie schufenund die Basis dafür legten, dass das Banater Bergland bis zur Ceausescu-Ära das führende Montangebiet in Südosteuropa war.

„Zum Gemeinwohl in „guter“ Ordnung?“, so die Frage, die Prof. Dr. Márta Fata vom Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen in ihrem Vortrag zur Gründungsgeschichte von Hatzfeld unter Maria Theresia bleuchtete. Am Beispiel dieses 1766 angelegten Kolonistendorfes verdeutlichte sie, wie die im 18. Jahrhundert geltenden Vorstellungen von Gemeinwohl und Ordnung im konkreten Fall umgesetzt wurden.

„Die deutsche Ansiedlung im Banat stellt einen Mikrokosmos der Migrationsgeschichte mit einem interessanten Einblick in mögliche historische Lösungsansätze dar, und es lohnt sich, sie aus wissenschaftlicher Sicht zu betrachten.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt Tabea Stegmiller, eine junge Wissenschaftlerin, die sich in ihrer im Jahr 2016 an der Universität Heidelberg eingereichten Masterarbeit – auf der Grundlage des im Wiener Staatsarchiv aufbewahrten Banater Grundbuchs 1782 – 1784 – mit dem Verkauf der Banater Kameralgüter an private Grundherren unter Kaiser Joseph II. befasst hatte und dieses Thema am Beispiel des Gutes Beodra (heute Novo Milosevo, im serbischen Banat gelegen) beleuchtete. Der Verkauf sollte, so die Vorstellung des Kaisers, „dem Käufer einigen Nutzen und dem verkaufenden Staate einen noch weit größeren“ bringen. In ihrem Referat ging Stegmiller der Frage nach dem Nutzen für den Staat und für die Käufer nach. Durch den Verkauf der Kameralgüter konnte der Staat eine wirtschaftlich innovative Elite bilden und in die  Gesellschaft integrieren, so die Referentin. Ausgehend von den Einträgen im Grundbuch verdeutlichte sie, dass der Käufer des Gutes Beodra, Bogdán Karátsonyi, der das Land urbar machen und bebauen ließ, schon nach relativ kurzer Zeit Gewinn erwirtschaftet hatte. „Für ihn schien sich die finanzielle Investition durchaus gelohnt zu haben“, so ihr Fazit.

2018 jährt sich zum 200. Mal der Beginn der Bewaldungsarbeiten in der Banater Sandwüste, westlich von Weißkirchen (Bela Crkva) gelegen. Dieser faszinierenden, heute wenig bekannten Erfolgsgeschichte widmete sich der Filmregisseur Thomas Dapper in seinem Vortrag „Die Pionierleistungen im Banat am Beispiel der Banater Sandwüste“. Der Referent mit donauschwäbischem Hintergrund erläuterte die Faktoren, die die Bildung der 33.000 Hektar großen Flugsandwüste (heute das Spezial-Naturreservat Deliblatska pescara) begünstigt haben und würdigte den Sandbindungspionier Franz Bachofen Edler von Echt (1782 – 1849). Der Walddirektor hatte nach Untersuchungen vor Ort 1815 dem Wiedern Hof einen ersten Bewaldungsplan vorgelegt, den er dann in überarbeiteter Form ab 1818 umsetzen konnte. Thomas Dapper erörterte zum Schluss offene wissenschaftliche Fragestellungen in Bezug auf die Banater Sandwüste, bei der es sich eigentlich um eine Dünenlandschaft handelt.

Seit über vier Jahrzehnten setzt sich der Architekt Mihai Opris, ein Absolvent der Temeswarer Lenauschule, mit der städtebaulichen Entwicklung und dem architektonsichen Erbe seiner Heimatstadt Temeswar auseinander. Seine beiden urbanistischen Monografien (1987 und 2007 erschienen), auf der Untersuchung von mehr als 375 historischen Stadt- und Festungsplänen beruhend, haben zur Korrektur der städtebaulichen Geschichte Temeswars geführt. Denn, wie Opris festgestellt hatte, wiesen die historiografischen Darstellungen diesbezüglich eklatante Fehler auf. „Alle historischen Stadtviertel, mit Ausnahme der Innenstadt und der Josefstadt, wurden in der Historiografie fehlerhaft platziert und datiert“, so der Referent in seiner in Sindelfingen vorgelegten Präsentation „Die städtebauliche Entwicklung Temeswars im 18. Jahrhundert – Dichtung und Wahrheit“. Anhand mehrerer Pläne und Karten, angefangen von den Stadtplänen des Militäringenieurs Francois Perrette aus den Jahren 1716 – 1717 bis zu einem Plan von 1770 – zeichnete Opris die städtebauliche Entwicklung der Banater Hautpstadt anschaulich und mit viel Detailwissen nach, wobei er immer wieder auf Unstimmigkeiten in der Geschichtsschreibung, zum Beispiel in Bezug auf den Bau der neuen Festung oder die Lokalisierung der Fabrikstadt hinwies.

„Nachwirkungen von Reformation und Gegenreformation. Die evangelischen deutschen Siedlungen im Banat und die lutherische Gemeinschaft  – Ein Abriss“ – diesem Thema widmete sich der Journalist und Heimatforscher Luzian Geier. Unter Auswertung der recht spärlichen Quellen wies er zunächst auf frühe Spuren der Reformation und Gegenreformation im Banat hin, um dann näher auf die Zeit der osmanischen Herrschaft und die darauf folgende habsburgische Epoche bis zum Toleranzedikt Joseps II. (1781) einzugehen, die  von einer strengen kathloischen und antiprotestantischen Haltung geprägt war. Geier erwähnte die ersten evangelisch-lutherischen Ortsgründungen im Banat, angefangen von Liebling 1786 und brachte aufschlussreiche, dem Schematismus der Diözese Tschanad für das Jahr 1829 entnommene statistische Daten bezüglich der konfessionellen Zusammensetzung der Bevölkerung (45.000 Lutheraner und Calvinisten bei einer Gesamtbevölkerung von über einer Million).

Die Tagungsbeiträge werden wieder in einem Band dokumentiert. Sobald der Band fertig ist, kann dieser bei der Geschäftsstelle des Landesverbandes der Banater Schwaben in Stuttgart bestellt werden.

 

Der Artikel über die Kulturtagung der Banater Schwaben in Sindelfingen ist ein Teil von dem Artikel der in der Banater Post, am 20. Januar 2018 veröffentlicht wurde, geschrieben von Walter Tonta.

 

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Das Programm der Kulturtagung:

 

Samstag, 18. November 2017

14.00 Uhr
Grußworte: Josef Prunkl, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg
Einführung in das Tagungsthema: Halrun Reinholz

14.30 Uhr
Kleine Gruppe – große Wirkung. Die Banater Schwaben als Gestalter des Banats nach 1718
Dr. Hans-Heinrich Rieser

15.00 Uhr
Zum Gemeinwohl in „guter“ Ordnung? Zur Gründungsgeschichte von Hatzfeld im Banat unter Maria Theresia
Dr. Márta Fáta

15.30 Uhr –  Aussparche

16.00 Uhr
Eröffnung der Ausstellung: Banater Orgeln und Orgelbauer. Bilder einer europäischen Orgellandschaft
Dr. Franz Metz / Anni Fay (Gerhardsforum)

16.30 Uhr –  Kaffeepause

17.00 Uhr
Dem Käufer einigen Nutzen und dem verkaufenden Staate einen noch weit größeren“. Der Verkauf der Banater Dörfer unter Josef II. 1782 – 1784
Tabea Stegmiller

 

18.00 Uhr  Aussprache

19.00 Uhr  Abendessen

20.00 Uhr
Konzert: Balladen, Lieder, Duette
Gestaltung und Einführung: Dr. Franz Metz
Mitwirkende: Wilfried Michl (Tenor), Wilfried Michl (Bariton), Dr. Franz Metz (Klavier)

 

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Sonntag, 19. November 2017

9.30 Uhr
Die Pionierleistungen im Banat am Beispiel der Banater Sandwüste
Thomas Dapper

10.00 Uhr
Die Städtebauliche Entwicklung Temeswars im 18. Jahrhundert – Dichtung und Wahrheit
Michai Opris

10.30 Uhr – Aussprache

11.00 Uhr – Kaffeepause

11.30 Uhr
Aus- und Nachwirkungen von Reformation und Gegenreformation. Die evangelischen deutschen Siedlungen im Banat und die lutherische Gemeinschaft heute
Luzian Geier

12.00 Uhr – Schlussdiskussion

12.30 Uhr –  Ende der Tagung

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Vielen Dank an Herrn Dr. Metz für das Bild mit Dr. Metz, Wilfried Michl und Wildried Michl.
Vielen Dank an Cornel Simionescu-Gruber für die Bilder von der Kulturtagung.